Er lief nach Hause. Vielleicht drei Bier intus, okay es waren vier. Wintermantel ungeschlossen, wie es sich 2013 gehört, darunter durchblitzend sein Team-Sweater. Classic red. Nicht mehr, nicht weniger. Okay... vielleicht noch die Skinny-Jeans, Nikes und natürlich die Unterwäsche, das war's dann aber auch. Schlicht, unauffällig, einfach. Bloß nicht erkannt werden. Das Risiko das dich ein Auto anfährt, weil du keine Reflektoren an der Kleidung hast ist ziemlich gering, glaubte er. Es war neblig. 15-Meter-Sicht. Die Straßenlaternen erhellten den Asphalt, wenigstens für fünf Meter. Fünf Meter Licht, zehn Meter neblige Dunkelheit, fünf Meter Licht, zehn Meter neblige Dunkelheit, so setzte sich das fort. Die EarPods im Ohr. Er hörte seine Lieblingsmusik. Melancholisch, versteht sich. Passt ja zum Nebel. Einmal Trendsetter. Wenigstens für diesen Weg. Er drehte sich eine Zigarette. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Rationieren war ihm wichtig. Muss ja noch für morgen reichen. Okay übermorgen. Er zündete sich die Kippe an und mit dem ersten Zug verschwanden seine Probleme. Lag's am Alkohol, lag's am Nikotin, lag's an der Musik. Im Endeffekt war es ihm egal. Mit Teer in der Lunge und Perfektion in der Luft setzte er seine Laufbewegungen fort, ganz easy, ist ja Routine, irgendwie. Der Tau des Nebels setzte sich auf den herabhängenden Kiefernzweigen ab und leuchteten im Licht der Laternen. Kunst im Alltag. Kunst für diesen Weg. Alles für einen Moment perfekt. Sorgen weg. Perplex, aber who cares. Die Musik gab ihm den Takt für das Laufen. Automatismus, ohne das er es bemerkte. Jeder Gedanke der nur ansatzweise versuchte diesen Moment der Vollkommnis zu boykottieren, wurde gelöscht. Strg + ent, ganz easy. Der Asphalt endete, seine Kippe ebenfalls. Er schnipste sie ins Gebüsch, in dem sie langsam am sicherer verglimmte. Er bog ab. Ab da an war vollkommene Dunkelheit, nur zwei glimmernde Lichter ganz weit hinten, irgendwo am Horizont. Sein Polarlicht. Sein Reiseführer, ohne dafür bezahlen zu müssen. Der Weg war uneben. Sein Laufrhythmus wurde durch die Schlaglöcher gestört, aber nach 20 Sekunden passte er sich wieder an. Der Algorithmus wurde einfach gelöscht, formatiert und wieder angepasst. Er konnte schon sein Haus sehen, der Weihnachtsstern verriet es. Der Nebel wurde unsichtbar. Wie soll man im Dunkeln auch Nebel sehen? Wie soll man in der Dunkelheit überhaupt was sehen? Er kannte jedoch seinen Weg. Die selben Meter, die er jeden Tag durchlief. Er kannte jeden Huckel, jede Unebenheit, jeden Stein. Die einzige Straßenlaterne in seinem Weg verriet wieder den Nebel. Er umgab ihn immer noch. Wie ein unheimlicher, aber dennoch sicherer Begleiter, der ihm auf Schritt und Tritt folgte und ihn schließlich auch an sein Ziel brachte, der freundliche Stalker der Neighborhood, irgendwie. Ist ja sein Job, oder so. Das Tor zu seinem Grundstück quietschte, wusste er, er kannte es, hörte es aber nicht, wegen der Musik. Der Bewegungsmelder betätigte sich von selbst, ist ja auch sein Beruf, sich selbst zu betätigen. Grelles Licht stach in seine Augen, nicht mehr so angenehm wie die Laternen, eher wie Feinde, die seinen Moment eliminieren wollen. Widerstand swaglos, gute Metapher für's 21. Jahrhundert, ja definitiv. Das Lied lief aus, mit dem schönsten Outro der Welt, obwohl er es schon kannte, war es neu, anders, besser. Ab hier endete der Moment, der Weg, der Nebel, die Melancholie, die Musik, besser hätte es jedoch nicht laufen können. Trotzdem fucking, dachte er sich. Der Weg hätte ruhig 10km länger sein können, na gut 1km. Irgendwann muss auch mal Schluss sein! Sein Mutter öffnete die Tür, lächelnd. Er war pünktlich. Passierte zwar nicht oft, aber selten schon. Es war der Nebel. Da war er sich sicher, er hatte ihn begleitet, auf Schritt und Tritt, über Stock und Stein. Sonst kannte er diese Situationen nur aus Horrorfilmen... Nebel, ein Mörder hinter jeder Ecke, aber nein. Alles hat zwei Seiten, zwei Gesichter, zwei Perspektiven. Seine war 15 Meter. Seine war perfekt.
___________
Probleme selbst erschaffen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen